Generationen im Dialog über Sinn und Verantwortung im Beruf
Wie kann Nachhaltigkeit die duale Ausbildung attraktiver und zukunftsfähiger machen? Diese Frage stand im Zentrum des VisionsForums des Projekts BBNE Lobby am 24. Februar 2026. Rund 50 Teilnehmende aus Unternehmen, Verbänden und Bildungsinstitutionen diskutierten online darüber, wie Berufliche Bildung für Nachhaltige Entwicklung nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Gestaltungsprinzip verstanden werden kann. Mit dabei waren Expert:innen und Best-Practice-Impulse von Unternehmen, die als Vorreiter in dem Bereich unterwegs sind. Einige Erkenntnisse möchten wir Ihnen mit diesem Artikel auf den Weg geben. Gastgeberinder Veranstaltung war die Deutsche KlimaStiftung.
Stimmen aus der Praxis: Wenn Auszubildende das Wort ergreifen
Der Auftakt gehörte nicht der Wissenschaft und nicht der Geschäftsführung. Fünf Auszubildende der Initiative Azubi4Change der VR Bank Donau-Oberschwaben übernahmen die Bühne: Linus Reitze, Alexandra Vaida, Andrea Hornung, Julian Merhof und Angelina Prutek erzählten in drei kurzen „Ministories“, was sie im Berufsalltag antreibt. Es ging um Sinn. Um Verantwortung. Um die Frage, ob man im Betrieb wirklich etwas bewegen darf oder nur Aufträge abarbeitet und Abläufe verwaltet.
Eine der Botschaften blieb hängen: „Wir wollen lernen mitzudenken und mitzugestalten.“ Junge Menschen wollen nicht erst nach fünf Jahren mitreden. Sie wollen jetzt verstehen, welchen Beitrag sie selbst und ihr Beruf zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft leisten können. Dieser Perspektivwechsel setzte den Ton des Tages. Nicht: Was denken Unternehmen über Gen Z? Sondern: Was sagt Gen Z selbst über Ausbildung?
Zahlen, die aufrütteln und relativieren
Im Anschluss ordnete Clemens Wieland von der Bertelsmann Stiftung die Diskussion empirisch ein. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt bleibt widersprüchlich: Rund 84.000 Bewerber:innen fanden 2025 keine Ausbildungsplatz. Gleichzeitig blieben laut IAB etwa 260.000 Stellen unbesetzt.
Ein Imageproblem der dualen Ausbildung? Eher nicht. Befragungen zeigen, dass viele Jugendliche Ausbildung grundsätzlich attraktiv finden. Das eigentliche Problem liegt in Informationsdefiziten und einer mangelnden Passung zwischen Unternehmenskommunikation und den Fragen junger Menschen.
Und diese Fragen verändern sich. Nachhaltigkeit und die Möglichkeit sich selbst einzubringen wird zunehmend zum Entscheidungskriterium. Betriebe, die glaubwürdig ökologische und soziale Verantwortung übernehmen, verschaffen sich hier einen echtenWettbewerbsvorteil.
Drei Praxisbeispiele: Was BBNE konkret bedeutet
Green statt Washing: Azubi4Change als Lernlabor
Im Workshop „Green statt Washing“ gaben Projektleiterin Miriam Fischer und Auszubildende der VR Bank vertiefte Einblicke in ihre Initiative. Azubi4Change startete im Januar 2025 mit 45 Auszubildenden aus drei Banken. Freiwillig. Hierarchiefrei organisiert und mit echtem Gestaltungsspielraum.
Drei Grundpfeiler tragen das Projekt: authentische Nachhaltigkeit, Stärkung von Beziehungen und die Förderung von Sinn sowie Eigenverantwortung. Die Formate sind bewusst vielfältig: City Clean-Ups, Mental-Health-Workshops, interne Nachhaltigkeitsprojekte. Hinzu kommt eine filmische Langzeitdokumentation auf YouTube und Instagram, die den Prozess bis 2030 begleitet.
Ein bemerkenswertes Detail: Beiträge, in denen Auszubildende selbst vor der Kamera stehen, erzielen im Schnitt 40 Prozent höhere Interaktionsraten als anderer Content der Bank. Sichtbarkeit erzeugt eben Identifikation, und zwar nach innen wie nach außen.
Nachhaltigkeit durch Netzwerke: Das ATLANTIC Hotel Sail City
Dass Nachhaltigkeit strategisch verankert werden kann, zeigt auch das Praxisbeispiel des ATLANTIC Hotel Sail City. Seit 2013 verfolgt das Haus eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie mit mehr als 500 umgesetzten Maßnahmen.
Ein zentrales Element ist das Verbundausbildungsmodell meerzukunft³. Seit 2022 werden Auszubildende in drei benachbarten Betrieben gemeinsam qualifiziert. Statt Konkurrenz zwischen den Häusern steht die Kooperation im Vordergrund. „Miteinander statt gegeneinander“ beschreibt hier die Grundhaltung. Hinzu kommt der jährliche „Azubitag“: Für einen Tag übernehmen dann die Auszubildenden den kompletten Hotelbetrieb. Verantwortung wird hier also nicht nur simuliert, sondern real erprobt.
Das Beispiel macht deutlich, dass BBNE nicht zwangsläufig neue Lehrpläne braucht. Oft geht es darum, bestehende Ausbildungselemente konsequent an Nachhaltigkeitsprinzipien auszurichten: Kooperation, Partizipation, langfristiges Denken.
Selbstwirksamkeit im Digitalunternehmen: Webmen Internet GmbH
Kathleen Marx-Colonius und Auszubildende Anastasiia Zhdanova zeigten, wie echte Beteiligung in einem kleinen Unternehmen strukturell verankert werden kann. Dabei entwickeln Auszubildende eigenverantwortlich vollständige Projekte von der Konzeption bis zur Abschlusspräsentation, mit voller Entscheidungsfreiheit und innerhalb eines klar definierten Rahmens.
Das bringt zwar auch Herausforderungen mit sich: Überforderung, Mut zu Entscheidungen im Team, unterschiedliche Wissensstände. Doch genau darin liegt der Lerneffekt. Feedbackschleifen können Struktur schaffen, in der Reflexion und Weiterentwicklung möglich werden. Marx-Colonius brachte es auf den Punkt: Nachhaltigkeit entsteht nicht auf Strategiepapieren, sondern im täglichen Umgang, in Entscheidungsprozessen und darin, ob Auszubildende als Mitgestaltende ernst genommen werden. Und: Die meisten Maßnahmen kosten auf finanzieller Ebene nichts. Es braucht Mut und Willen.
Kathleen Marx-Colonius engagiert sich zudem als Botschafterin im Projekt BBNE Lobby.
Motor für Transformation oder nice-to-have?
In der abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Barbara Hemkes vom Bundesinstitut für Berufsbildung, Marion Sollbach von B.A.U.M. e.V. sowie Kathleen Marx-Colonius und Anastasiia Zhdanova von Webmen, ob solche Ansätze „nice to have“ oder ein zentraler Hebel für Transformation sind.
Die Diskussion machte deutlich: Wer Nachhaltigkeit in der Ausbildung verankert, arbeitet nicht an einem Randthema. Es geht um Fachkräftesicherung, Innovationsfähigkeit und Unternehmenskultur zugleich. BBNE ist kein Zusatzmodul. Sie ist ein Qualitätsmerkmal zukunftsfähiger Ausbildung.
Was folgt daraus für Ausbildungsbetriebe?
- Erstens: Auszubildende systematisch einbinden. Nicht als Feedbackgeber am Ende, sondern als Mitgestaltende im Prozess.
- Zweitens: Nachhaltigkeit konkret machen. Ein regelmäßiges Format, ein Projektboard, eine sichtbare Maßnahme im Arbeitsalltag reichen als Startpunkt.
- Drittens: Verantwortung ermöglichen. Echte Aufgaben, echte Entscheidungen, begleitet durch reflektierende Lernformate.
Das VisionsForum hat gezeigt: Die Attraktivität der dualen Ausbildung entscheidet sich nicht allein an Vergütung oder Benefits. Sie entscheidet sich daran, ob junge Menschen erleben, dass sie selbst und ihr Beruf Teil der Lösung sein können. Und das ist weniger eine Frage der Größe und des Budgets eines Betriebs als seiner Haltung.
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